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Es fühlt sich an wie ein wunderbarer Traum. Man steht völlig allein auf dem Gipfel und das Einzige, was weit und breit fehlt, ist der gewohnte Zivilisationslärm. Kein nerviges Klingeln, kein Gehupe, kein digitaler Alltagsstress. Stattdessen herrscht hier oben eine grandiose Ruhe. Die Luft ist so klar, dass man sie fast greifen kann. Man hört das ferne Rauschen eines Bachs, das entspannte Krähen der Dohlen im Aufwind und eine sanfte Brise, die den Bäumen weiter unten ein Flüstern entlockt. In dieser weiten Kulisse werden der eigene Atem und der ruhige Herzschlag plötzlich zu den lautesten Geräuschen. Ein Zustand, den man am liebsten für immer abonnieren möchte.
Solche Momente durfte ich erfreulicherweise schon oft erfahren, und ich hoffe inständig auf viele weitere Wiederholungen. Ich fotografiere mit tiefem Herzblut, aber ganz bestimmt nicht wegen des starren Ergebnisses. Es sind die unbezahlbaren Sekunden des Erlebens währenddessen, die den Aufstieg rechtfertigen. Mein Weg hat mir gezeigt, dass die Fotografie weit über das flache Abbild hinausreicht. Das achtsame Entstehen des Bildes, der Weg dorthin, das ist die eigentliche Kunst. Das fertige Foto ist dann nur noch die schöne Trophäe eines intensiv gelebten Augenblicks.
Eckhart Tolle
Als Landschaftsfotograf bin ich glücklicherweise dazu verdammt, regelmäßig die Zivilisation hinter mir zu lassen. Mein bevorzugtes Revier dafür sind die Berge der Ostalpen. Dort finde ich die nötige Orientierung, treffe mich verlässlich selbst wieder und nutze die Kamera, um die gesammelten Erfahrungen für später zu konservieren. Aus dem Studium so unterschiedlicher Bereiche wie Architektur, Ethnologie und den großen Weisheitslehren ist in Kombination mit meinen persönlichen Lebenserfahrungen ein sehr eigenständiger fotografischer Ansatz gewachsen.
Als transformationsCOACH und Fotograf leite ich ganzheitliche Fotoseminare. Uns geht es dabei um ein feines Zusammenspiel. Die Fotografie dient uns als handfeste Gegenwärtigkeitsübung, um im Hier und Jetzt anzukommen, während wir gleichzeitig das moderne technische und gestalterische Handwerk meistern. Kurz gesagt. Altes Wissen und traditionelle Weisheit begegnen der modernen Technik direkt in der kraftvollen Natur der Berge. Das Schöne daran ist, dass wir bei diesem Gipfeltreffen wertvolle Impulse für unser inneres Gleichgewicht mitnehmen und ganz nebenbei großartige Bilder entstehen lassen.
Mary Ward
Aus diesen Erkenntnissen ist die Methode der vier Fotozeiten entstanden: Gehzeit | Ruhezeit | Kreativzeit | Emotionszeit. Dieses Konzept stützt sich auf die fundamentalen Säulen des Daseins: Bewegen, Ruhen, Gestalten und Fühlen. Und das meint keineswegs nur die Muskelarbeit beim Aufstieg, sondern gleichermaßen die mentale Ebene. Das Sehen ohne zu denken und ein Fotografieren mit dem ganzen Körper sind tiefe Erfahrungen, die man letztlich nur im Dialog mit sich selbst machen kann. Wer sich darauf einlässt, erlebt oft eine überraschende innere Wandlung, die weit in den Alltag hineinwirkt.
Es ist kein Geheimnis, dass viele von uns einen unsichtbaren Rucksack voller Zukunftsängste und vergangener Sorgen mit sich herumtragen. Oft lagern diese Lasten gut versteckt im Unterbewusstsein. Ob Coaching, Meditation, Naturheilkunde oder Psychologie – all diese Ansätze versuchen zu helfen, das innere Gleichgewicht wiederzufinden. Auch Yoga, Tai-Chi oder jede gesunde Form von Sport bewirken hier Wunder. In diese Riege reiht sich das Bergwandern nahtlos ein. Es ist eben eine Bewegung für das gesamte menschliche Wesen, die den Kopf verlässlich lüftet.
Das Erwandern des Motivs beginnt bereits in der Gehzeit. Dazu gehört die Vorplanung, die Vorfreude und das bewusste Einstimmen auf die Bergwelt. Das Gehen selbst gleicht einer Gehmeditation. Schritt für Schritt baut sich eine beruhigende Verbindung zur Natur auf. Man reagiert feiner auf die Geräusche des Waldes, das Spiel des Lichts, die Gerüche und die klare Luft. Beim Wandern werden auf angenehme Weise Kalorien verbrannt, vor allem aber überschüssige Gedanken, die uns im Alltag wie lästige Schmeißfliegen belagern. Diese Grübeleien dürfen beim Aufstieg ruhig auftauchen. Im Angesicht der Schönheit der Natur verlieren sie jedoch rasch an Gewicht und werden einfach an die Weite abgegeben. Es entsteht eine innere Leichtigkeit, die sich wunderbar im gegenwärtigen Moment verankert. Beim Gehen beginnt das Bewusstwerden ganz von selbst.
Dr. Günter Zöhrer
Oben angekommen, an der Fotolocation oder direkt auf dem Gipfel, stellt sich trotz der körperlichen Anstrengung eine tiefe innere Balance ein. Der Verstand klopft uns zufrieden auf die Schulter und murmelt ein erleichtertes „Gut, dass ich es geschafft habe“, während das Herz einfach nur staunt, wie schön die Welt von hier oben aussieht. Nun beginnt die Ruhezeit, die Phase der echten Entspannung. Hier darf man sich Zeit nehmen, tief durchatmen und durch meditatives Verweilen ganz in der Bergwelt ankommen. Das genaue Beobachten der Gipfel mit allen Sinnen, während der gedankliche Kinofilm im Kopf endlich pausiert, ist das wahre Sehen ohne zu denken.
Eine kleine meditative Pause unterstützt diesen Zustand der inneren Stille. Dabei ist es entscheidend, die Aufmerksamkeit gleichmäßig aufzuteilen: Wir spüren die weite Welt um uns herum und zeitgleich uns selbst. Es ist eine Phase der reinen Gewahrwerdung, in der wir die Beständigkeit, aber auch den ständigen Wandel der Natur beobachten. Schließlich lässt sich immer nur die Gegenwart im Bild festhalten. Das Fotografieren wird so zu einer handfesten Bewusstseinsschulung. Ergänzend helfen uns an diesem Kraftort einfache mentale Übungen dabei, den Alltagsballast endgültig im Tal zurückzulassen, bis sich das Gefühl einstellt, bereit für die Kamera zu sein.
Das geschieht in der Kreativzeit. In dieser Phase nehmen wir das Jetzt ganz bewusst wahr. Das Auslösen wird zu einer Geste der tiefen Anerkennung für die Natur und für unser eigenes Dasein. Es ist ein Würdigen des So-Seins aller Dinge. Wir bewahren flüchtige Emotionen und füllen das Bild mit Geschichten, die fortan darin gespeichert bleiben.
Viele philosophische und spirituelle Lehren weisen darauf hin, dass die Wurzel der meisten Sorgen in unserer fixierten Wahrnehmung von Zeit liegt. Wir hängen in der Vergangenheit fest oder zermatern uns den Kopf über die Zukunft. Die Angst vor dem, was kommen könnte, nährt sich stets aus dem, was gestern war. Entzieht man diesen Sorgen das Fundament, indem man vollkommen im gegenwärtigen Moment verweilt, verpufft diese negative Energie schlagartig. Der innere Widerstand schmilzt.
Das Schöne ist: Beim Fotografieren in der Bergwelt funktioniert das faszinierend einfach. Ob im sanften Licht eines Sonnenuntergangs, unter einem funkelnden Sternenhimmel, am wilden Wasserfall oder beim stillen Betrachten des Waldes – der Moment zieht uns ganz von selbst in seinen Bann. Dieses Betrachten meint weit mehr als das bloße Schauen durch den Sucher. Es ist eine Wahrnehmung mit dem gesamten Körper, ein Zusammenspiel aus Fühlen, Riechen, Hören und Sehen.
Gehen wir also in erster Linie der Natur wegen hinaus und nicht, um verbissen Jagd auf Trophäenbilder zu machen. Erst diese aufrichtige Würdigung der Welt und des eigenen Selbst lässt jene Bilder entstehen, die uns auch nach Jahren noch im Inneren berühren.
Ovid
Nach dem Fotografieren kehrt man meistens mit einer gehörigen Portion positiver Energie zurück. Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, welche Kraft die Bergwelt entfesselt und wozu sie uns beflügelt, sobald wir die Verbindung zur eigenen, inneren Natur wiederentdecken. Diese unvergesslichen Momente, die nun fest in den Bildern und im Herzen verankert sind, wirken wie ein verlässlicher Akkumulator für die Seele. In der Emotionszeit geht es genau darum: diese lebendige Energie und die dazugehörigen Gefühle zu bewahren und unbeschadet mit nach Hause zu nehmen.
Dort angekommen nutzen viele Fotografen die technischen Möglichkeiten am Computer, um den Bildern den letzten Schliff zu geben. Das digitale Post-Processing macht großen Spaß, ist extrem spannend und lässt uns noch einmal tief in das Erlebte eintauchen. Die Energie des Moments bleibt auf diese Weise lebendig. Die Emotionszeit verlängert sich so ganz elegant in das Privatleben. Sie setzt sich fort, wenn wir die Erlebnisse im Kreis von Familie und Freunden teilen, die besten Aufnahmen als großformatige Prints an die Wand hängen oder die eigenen Werke stolz in Online-Galerien zeigen.
Bevor wir uns nun jedoch vollkommen im pixelgenauen Optimieren verlieren, darf uns die Arbeit am Bildschirm an etwas Wesentliches erinnern: an das, was wir dort oben gelernt haben. Wenn die mitgebrachten Gefühle im Trubel des Alltags langsam zu verblassen drohen, ist es an der Zeit, sich auf die Kraft des Sehens zu besinnen. Wir dürfen uns fragen, wo diese Kraft überhaupt entsteht. Die Antwort ist simpel. Im Hier und Jetzt.
Diese Gegenwärtigkeit erweist sich auch abseits der Berge als fabelhafter Problemlöser. Wenn wir das ununterbrochene Grübeln ab und zu einstellen und den Lebensumständen ohne ständiges Bewerten begegnen, gewinnt der Alltag an Leichtigkeit. Persönliche Prüfungen lassen sich viel leichter annehmen, wenn wir sie im ersten Schritt einfach so akzeptieren, wie sie sind. Das ist die tiefere Weisheit einer ganzheitlichen Fotografie, die weit über den Auslöser hinausreicht und eine nachhaltig positive Wirkung entfaltet.
Und wer weiß: Vielleicht beginnt die nächste Gehzeit viel schneller als gedacht, mitten am Schreibtisch oder beim Kaffeekochen im Büro. Es braucht nur das Schmieden neuer Pläne für das kommende Wochenende, den Blick auf den Wetterbericht oder das Fachsimpeln über die beste Mondphase für den nächsten unbekannten Gipfel. Schon springt der erste Funke der Vorfreude über – die Vorfreude auf das erlösende „Ich gehe raus“, um die Natur wieder ganz ohne Zwang zu erleben, zu spüren und einzufangen.