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Dr. Günter Zöhrer
Nach der Gehzeit folgt die Ruhezeit, eine weitere innere Vorbereitung auf das Fotografieren.
Um genau zu erklären, was die Ruhezeit ausmacht, möchte ich mit einem wunderbaren Zitat von Eckhart Tolle beginnen.
Benutze Deine Sinne. Sei völlig da, wo Du bist. Schau Dich um. Schau nur, interpretiere nicht. Sieh das Licht, sieh Konturen, Farben, Materialien. Sei Dir der stillen Gegenwart aller Dinge bewusst. Sei Dir des Raumes bewusst, der es allem ermöglicht, hier zu sein. Höre die Geräusche, beurteile sie nicht. Höre die Stille, die die Geräusche umgibt. Berühre etwas – irgendwas – und fühle und bestätige sein Dasein. Beobachte den Rhythmus Deines Atems; fühle die Luft ein- und ausströmen, fühle die Lebensenergie in Deinem Körper. Erlaube allem zu sein, innen und außen. Erlaube das „So-Sein“ aller Dinge. Bewege Dich tief ins Jetzt hinein.
Sobald wir unsere Sinne ganz bewusst aktivieren, öffnen sich Türen zu bemerkenswerten persönlichen Erfahrungen. Diese einfachen Urinstinkte, die im modernen Alltag oft in Vergessenheit geraten sind, erlauben uns ein völlig urteilsloses Beobachten. In solchen Momenten dürfen wir einfach wieder wir selbst sein. Wir lassen die Dinge so sein, wie sie sind. Das ist die zeitlose Form der Meditation. Alles verdichtet sich im Hier und Jetzt. Es ist die Einladung, vollkommen präsent zu werden, innezuhalten und zu lauschen. Und zwar auf die Stille – sowohl im Außen als auch im eigenen Inneren.
Diese unerschütterliche Präsenz lässt sich hervorragend von den Bergen lernen. Sie stehen fest an ihrem Platz, trotzen jedem Sturm und machen aus den Launen des Wetters kein emotionales Drama. Man könnte sagen, die Berge selbst sind das anschaulichste Beispiel für die Ruhezeit. Sie nehmen jede Witterung, jedes geologische Ereignis und selbst die Spuren des Menschen in tiefer Gelassenheit an. Die Natur hinterfragt nicht, sie ist einfach da.
Diese Stille ist ein universelles Prinzip, das uns besonders eindrucksvoll unter einem klaren Sternenhimmel vor Augen geführt wird. Es ist ohnehin ein faszinierendes Paradox. Alles in der Natur erweckt den Eindruck, stillzustehen, obwohl in Wahrheit alles in permanenter Bewegung ist. Blicken wir nach oben, wirken die Sterne wie festgenagelt, während sie in Wirklichkeit durch die Erdrotation majestätisch über den Nachthimmel wandern. Ebenso kurios ist die Tatsache, dass es streng genommen überhaupt keinen Sonnenauf- oder Sonnenuntergang gibt. Es ist lediglich eine optische Täuschung unseres begrenzten Blickwinkels – wenn auch eine verdammt schöne. Im Weltraum geht die Sonne niemals unter, sie leuchtet ununterbrochen.
Sich im Moment eines Sonnenuntergangs dieser kosmischen Zusammenhänge bewusst zu werden, kann eine zutiefst berührende Erfahrung sein. Genau dann spüren wir, dass wir ein winziger, aber fester Bestandteil dieses großen Ganzen sind. Das gilt für die riesigen Entfernungen im Weltall genauso wie für die unsichtbaren Atome im Mikrokosmos. Alles ist Natur. Stille ist kein leerer Raum, Stille ist Weite voller lebendiger Informationen.
Die Ruhezeit führt uns zu einer Dimension, die den meisten von uns im Alltag völlig verborgen bleibt. Es ist ein unsichtbares Universum, das dennoch beharrlich existiert. Die Rede ist von der Welt des Formlosen oder Objektlosen, kurzum von unserem inneren Dasein. In der Ruhezeit drehen wir den Spieß um und richten den Blick nach innen.
Um diese innere Welt greifbarer zu machen, hilft ein physikalisches Beispiel, das im ersten Moment kurios klingt, bei genauerem Hinsehen jedoch atemberaubend ist. Wenn man die Dimensionen eines Atoms ergründet und sie auf unsere sichtbare Welt überträgt, wird es spannend. Angenommen, ein Atomkern hätte die überschaubare Größe eines Reiskorns, dann besäße das ihn umkreisende Elektron in etwa die Ausmaße des Olympiastadions in München. Das bedeutet im Klartext: Ein Atom besteht zu rund 99,999 % aus absolutem Nichts. Aus reiner Leere.
Im Buddhismus wird genau das im berühmten Herz-Sutra auf den Punkt gebracht: „Form ist Leerheit und Leerheit ist Form.“ Wenn wir uns nun fragen, woraus wir Menschen und das gesamte Universum letztlich aufgebaut sind, landen wir unweigerlich bei Atomen und ihren winzigen Bausteinen. Wir bestehen also rein rechnerisch fast vollständig aus dieser Leere. Kaum jemand verschwendet im Alltag einen Gedanken daran, weil wir eben nur die Welt der festen Objekte wahrnehmen.
Genau dieses Nichts ist das faszinierende Puzzleteil. Die Quantenphysik beginnt heute zu erklären, dass diese vermeintliche Leere in Wahrheit randvoll mit Energie und Information ist. Es ist jene unsichtbare Kraft, welche die sichtbare Welt der Objekte überhaupt erst formt, so wie Gedanken unsere Gehirnstrukturen formen oder unsere Wahrnehmung steuern.
Diese Leere ist in uns. Sie ist nicht der flüchtige Gedanke oder das schnelle Gefühl, sondern die dahinterstehende Energie. Um glücklicher und zufriedener zu werden, können wir diese Ebene gezielt nutzen. Indem wir Energie und Information in Form von Freude, Liebe und Zuversicht einfließen lassen, erschaffen wir positive Gedanken und formen damit unsere ganz persönliche Welt. Diese Kraftquelle entspringt der inneren und äußeren Stille. In der Ruhezeit übernehmen wir das Steuer und formen bewusst unseren Verstand, anstatt uns von ihm kontrollieren zu lassen. Ein bekanntes Buddha-Zitat – ein Auszug aus dem Dhammapade, den Aussprüchen Buddhas – besagt treffend:
„Wir sind das was wir denken. Alles was wir sind, entsteht durch unsere Gedanken. Mit unseren Gedanken erschaffen wir die Welt.“
Emotionen sind dabei der körperliche Ausdruck unserer Gedanken. Wenn der Kopf zu laut wird, hilft es, die Emotionen als pure Energie im Körper zu fühlen. Diese bewusste Aufmerksamkeit schafft augenblicklich Gegenwärtigkeit und ist der Schlüssel, um negative Gedankengänge sanft aufzulösen. Wir stellen uns den eigenen Sorgen nicht in einem kahlen, grauen Raum, sondern in der kraftvollen Kulisse der Bergwelt.
Aus diesem Grund beobachten wir die Schönheit der Natur mit jeder Faser unseres Daseins. Wir nutzen unsere eigene innere Ruhe, um uns mit positiver Energie aufzuladen. Dieser Moment der Stille ist kostbar und darf tief genossen werden. Es ist eine einfache, geistige Wahrnehmungsübung im Hier und Jetzt. Wer sein Inneres beobachtet, erkennt auch das Äußere – und umgekehrt – und wird vollkommen präsent.
Dieses intensive Erlebnis mit uns selbst lässt uns die eigene Natur bewusst erfahren. Um dieser Erfahrung einen sichtbaren Ausdruck zu verleihen, greifen wir im nächsten Schritt zur Kamera. Es beginnt die Kreativzeit, in der wir das Jetzt gestalterisch erfassen.