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Dr. Günter Zöhrer
Die Ersten beiden Fotozeiten waren die Gehzeit und die Ruhezeit, mentale Vorarbeit auf das was Jetzt kommt. Das Fotografieren.
Kreativ zu sein ist tief in unserer menschlichen DNA verankert. Kreativität ist die inspirierende Energie des Erschaffens. Sie ist eine rundum positive Kraft, welche die Einzigartigkeit jedes Einzelnen zum Vorschein bringt. Dieser innere Funke manifestiert sich durch Hingabe, Fleiß und eine gehörige Portion Liebe in der sichtbaren Welt der Objekte. Echte Kreativität wird folglich nie im Außen geboren, ihre Wurzeln liegen immer tief in unserem Inneren. Bereits im Jahr 1912 brachte es Charles F. Haanel treffend auf den Punkt, als er schrieb: „Alle Kraft kommt von innen.“ Für das Fotografieren – und das gilt mit Sicherheit für jede Form der Kunst – möchte ich diese wunderbare Erkenntnis noch um ein entscheidendes Wort erweitern.
Viele von Ihnen kennen bestimmt diesen Moment, in dem man sich einer Aufgabe voll und ganz hingibt und die Zeit um sich herum komplett vergisst. Keine Anstrengung, keine Sorgen, kein inneres To-Do-Listen-Wälzen. Ob beim Malen, Kochen, Musizieren oder eben bei unserer großen Leidenschaft, dem Fotografieren. Es entsteht eine tiefe Gegenwärtigkeit. Sie erlaubt uns, den Fokus präzise auf das Hier und Jetzt zu richten. Das Wort „Fokus“ lässt sich in diesem Fall wunderbar als fototechnisches Synonym für den menschlichen Geist verstehen. Auch unser Geist kann fokussieren: Er schärft das Bewusstsein, lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was uns berührt, und spiegelt das Innerste im Außen wider. Sogar im technischen Sinne gibt es eine Ähnlichkeit zur Kamera. Das Auge als Objektiv, die Sehzellen als Sensor und das Gehirn als (emotionaler) Speicher. Wenn Sie die Schönheit der Natur als tiefes Gefühl empfinden, ist das der Teil in Ihnen, der sich selbst als schön anerkennt. Die Natur tut in diesem Moment genau dasselbe, sie spiegelt Ihre eigene Schönheit.
Als Vorbereitung auf diese Kreativzeit haben wir in der Gehzeit überschüssige Alltagshektik abgebaut, um körperlich und geistig beweglich zu werden. Darauf folgte in der Ruhezeit die Phase der Gewahrwerdung, der Stille und des Fühlens. Wir haben gelernt, das Gesehene ohne Filter anzunehmen. Es heißt ja nicht umsonst, dass man vor jedem schöpferischen Akt erst einmal innerlich auf Distanz gehen soll, um das volle kreative Potenzial zu entfalten. Genau das haben wir getan. Jetzt treten wir in Aktion und widmen uns dem, was wir lieben: Wir fotografieren.
Das Geschehen in der Kreativzeit sollte stets von einer dankbaren, wohlwollenden und entspannten Geisteshaltung getragen werden. Wir wandern nicht verbissen auf der Jagd nach Trophäenbildern in die Berge, sondern wegen der Bergwelt selbst. Fotografie in der Natur gelingt am besten, wenn wir den Auslöser sozusagen „mit dem gesamten Körper“ – also allen Sinnen – betätigen. Es ist fast so, als würden wir uns da draußen selbst porträtieren. Die Megapixel-Anzahl oder die Sensorauflösung spielen dabei eine absolute Nebenrolle. Die Technik ist ein wunderbares Werkzeug, das erst durch die Kreativität des Einzelnen zum Leben erweckt wird. Wir lassen uns von ihr weder lenken noch einschüchtern. Wir behalten das Steuer in der Hand. Dazu gehört auch der Mut zur Lücke: Niemand muss die Bedienungsanleitung auswendig kennen. Es pendelt sich ganz von selbst der technische Ablauf ein, der für uns am einfachsten ist. Wir halten die Gegenwart schlicht, reduziert und ohne Zwang im Bild fest.
Im Grunde sind beim Fotografieren nur vier Einstellungen an der Kamera wirklich von Bedeutung: Blende, Belichtungszeit, Brennweite und Schärfe. Alles andere ist erst einmal Beifang. Wer sich auf diese Säulen konzentriert, kommt dem Bild näher, das dem eigenen Erleben entspricht. Um der Technik den Schrecken zu nehmen, hilft ein einfacher Vergleich: Stellen Sie sich vor, Sie bedienen die Fernbedienung Ihres Fernsehers. Der Fernseher ist die Natur, die Fernbedienung Ihre Kamera. Sie werden sehen, ein stimmiges Bild einzustellen ist oft leichter, als das richtige Abendprogramm zu finden.
Mancher Verstand neigt dazu, tausende Fotos in Serie zu schießen, in der Hoffnung, dass ein Glückstreffer darunter ist. Das ist bei schnellen Sportaufnahmen absolut legitim. In der Landschaftsfotografie, wo es um die eigene Wahrnehmung geht, erweist sich das Dauerfeuer jedoch oft als Nachteil. Man darf sich fragen, wo der Geist des Fotografen im Moment des Dauerknipsens wohl gerade war. War er wirklich präsent? Hat er gespürt, was in der Natur und in ihm selbst passierte? Dem Drang nach unendlichen digitalen Bildmengen können wir uns bewusst entgegenstellen. Eine bewusste visuelle Diät diszipliniert, schärft den Blick und resultiert aus einer tiefen Achtsamkeit gegenüber der Natur. Dieses Training tut unseren Gedanken und Gefühlen spürbar gut und lässt uns das Jetzt intensiv erfahren.
Natürlich gibt es Fotografen, denen das technische Fachsimpeln mehr Freude bereitet als das stille Naturerlebnis. Auch das ist eine völlig legitime Form von Kreativität – dann aber wohl eher in nicht natürlichen Räumen bzw. Studios. Die Technik ist in diesem Fall ihr persönlicher Schlüssel zur Gegenwart, und das ist vollkommen in Ordnung. Für diejenigen, die sich für die feinsinnige, menschliche Seite und die Erhabenheit der Berge interessieren, wird sich ganz von selbst ein gesundes Gleichgewicht zwischen Technik und Intuition einstellen. Und wenn man es genau betrachtet, selbst in Studios kann diese Feinsinnigkeit erreicht werden.
In der Landschaftsfotografie gilt das zeitlose Prinzip: Weniger ist mehr. Obwohl die Natur uns mit einer Fülle an Eindrücken überschüttet, besitzt sie eine beständige Eigenschaft: Stille. Selbst das Tosen eines Wasserfalls oder das Grollen eines Gewitters tragen im Kern eine mächtige, unerschütterliche Stille in sich. Stille bedeutet nicht Stillstand und auch keine Lautlosigkeit, sondern ist der Ausdruck vollkommener innerer und äußerer Balance. Einem Gleichgewicht, dass uns Kraft und Optimismus lehrt. Aus dieser Ruhe heraus entsteht ein besonnenes Beobachten und Handeln. Das ist die Kraft des Sehens, denn wirklich sehen können wir nur das, was wir ohne gedankliches Bewerten oder Kategorisieren betrachten. Aus dieser inneren Stille heraus entstehen die besten Bilder – fast wie von selbst. Das ist die Kreativzeit, eine Handlung, die vergleichbar mit einem tief versunkenen Kind im Sandkasten ist.
Ein weiterer kreativer Teil wartet auf uns, wenn wir wieder zu Hause sind und die Aufnahmen sichten und entwickeln. Da die Kreativzeit ganz dem Aufenthalt in der Natur gehört, widmen wir uns der Bildbearbeitung im nächsten und letzten Schritt: der Emotionszeit. Nehmen wir unsere Schätze und Erfahrungen also mit und schauen, was im letzten Abschnitt damit geschieht.