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Die Bewegung gehört zu den charmanten Aspekten des Lebens, die uns vor allem dann auffallen, wenn wir es in die eine oder andere Richtung maßlos übertreiben. Als biologisches Grundprogramm ist das Schwingen der Hufe essenziell für unser Wohlbefinden, doch wie bei Schokolade oder gutem Wein macht auch hier die Dosis das Gift. Wer im permanenten Marathonmodus durchs Dasein hetzt, verschleißt sein System auf Dauer gründlich. Wer wiederum versucht, mit der Couch eine dauerhafte Symbiose einzugehen, erntet ebenfalls ungemütliche Quittungen. Die körperlichen Warnsignale lassen meist nicht lange auf sich warten und zeigen sich ungeniert in Form von Extra-Kilos, zwickenden Gelenken oder allgemeiner Rostansetzung.
Es gibt jedoch eine Etage höher einen Bereich, der unter akutem Bewegungsmangel fast noch mehr leidet. Unsere Denkstube. Die Nachrichtenseiten predigen uns ununterbrochen, wie gesund Sport für die Gefäße ist, vergessen dabei aber gerne die mentale Komponente. Körperliche Aktivität bringt nämlich das Kunststück fertig, den eingerosteten Geist gleich mitzubewegen und festgefahrene Gedankenschleifen freizupusten. Das bewusste Wandern in Kombination mit der Fotografie – ich bezeichne es elegant als Cameratrekking – erweist sich hier als die perfekte Methode, um Mensch und Maschine ganzheitlich und ohne Leistungsdruck in Schwung zu bringen.
Johann Wolfgang von Goethe
Eine gesunde Dosis Aktivität zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie der anschließenden Ruhe den roten Teppich ausrollt. Das ist die Kehrseite der Medaille, denn echte Erholung schmeckt am Ende erst dann so richtig süß, wenn die Muskeln vorher ein bisschen arbeiten durften. Um im großen Spiel des Lebens nicht permanent aus der Kurve zu fliegen, braucht es das harmonische Zusammenspiel aus Auspowern und gepflegtem Nichtstun. Die Entspannung ist ein cleverer biologischer Mechanismus, der genau dann wie geschmiert läuft, wenn wir den Körper artgerecht bewegt haben. Nach getaner Arbeit schaltet das System verlässlich in den Ruhemodus, und das obere Stockwerk zieht freiwillig nach. Unter freiem Himmel passiert dabei etwas Wundervolles. Weil der Organismus die Energie für den nächsten Schritt auf dem Wanderweg benötigt, bleibt für komplizierte Gedankenexzesse schlicht keine Kapazität mehr übrig.
Es wird schlagartig still im Kopf. Beim Streifzug durch die Landschaft verbrennen wir also keineswegs bloß die Kalorien des letzten Mittagessens, sondern vor allem überschüssige Gedankenschleifen. Wir entleeren das neuronale Lagerfeuer von angestauter mentaler Energie, die sich bei akutem Bewegungsmangel im Alltag gerne als Stress, unbegründete Ängste oder zähe Sorgen manifestiert. Auf diese Weise lüftet die Bewegung das Gehirn gründlich durch, transformiert den Alltagsballast in wohlige körperliche Müdigkeit und lässt uns wieder genau dort ankommen, wo das Leben eigentlich stattfindet.
Blaise Pascal
Es bleibt eines der großen Paradoxien des Urlaubs. Man flieht aus einem stressigen Berufsalltag, um endlich der Kunst des absoluten Nichtstuns zu frönen, und greift als Erstes zur Kamera. Das ist immerhin eine Beschäftigung, die volle Konzentration erfordert. Doch genau in dieser Scheinaktivität liegt der geniale Trick. Das Fokussieren auf den Sucher zieht den Geist mit sanfter Gewalt in die Gegenwart. Wer damit beschäftigt ist, das flüchtige Licht des Augenblicks einzufangen, hat schlicht keine Zeit, über die To-do-Liste der nächsten Woche nachzugrübeln oder Vergangenem hinterherzutrauern. Das Gehirn bekommt genau die Pause im Hier und Jetzt, nach der es sich insgeheim sehnt. Ganz nebenbei sorgt die Reisefotografie für jene gesunde Dosis körperlicher Bewegung, die uns ganzheitlich in Schwung hält.
Dieser Umstand wirft ein interessantes Licht auf die moderne Seelenheilkunde. Es ist durchaus fraglich, ob all die stressbedingten Blockaden und psychosomatischen Zipperlein ausschließlich in sterilen Praxisräumen oder zwischen den vier Wänden eines Seminarraums therapiert werden müssen. Es liegt eine enorme Chance darin, den Prozess der inneren Einkehr schlicht nach draußen zu verlegen. Die Natur erweist sich ohnehin als der schönste und am besten ausgestattete Seminarraum der Welt.
Die Aktivität unter freiem Himmel, vom entspannten Spaziergang bis zum anspruchsvollen Aufstieg im Hochgebirge, bringt eine wunderbare Dynamik ins System. Sie bringt auf tiefen Ebenen etwas im Menschen in Bewegung, das im starren Trott des Alltags oft völlig einzufrieren droht.
Spüren, durchatmen, sich hingeben, ordentlich ins Schwitzen kommen, entspannen, haargenau beobachten, sich diebisch freuen, dankbar sein, einfach mal schweigen und andächtig staunen. Die Palette der Möglichkeiten im Freien ist riesig. Das alles lässt sich beim Fotografieren erleben, und erfreulicherweise funktioniert das Prinzip bei jeder anderen Sportart ganz ähnlich.
Die körperliche Aktivität entpuppt sich damit als das wohl beste Rezept für den inneren Frieden. Man muss sich erst bewegen, um überhaupt richtig zur Ruhe kommen zu können. Auf diese Weise betrachtet erweist sich das Fotografieren als eine herrlich unkomplizierte, effektive und absolut zeitlose Meditationsform. Draußen in der Landschaft bringt sie das Kunststück fertig, körperliche Aktivität, erholsame Pausen, kreative Gestaltung, messerscharfe Konzentration und tiefe Emotionen in einem einzigen Paket zu bündeln. Etwas Besseres lässt sich für das eigene Wohlbefinden kaum erfinden. Hier sprechen wir von einer höheren Ebene der Fotografie, die einen echten, bleibenden Wert für das menschliche Dasein besitzt.
Am Ende ist das bewusste Vorwärtsschreiten pure Hingabe und gelebte Leidenschaft. Jede Bewegung nimmt uns ein Stück weit an die Hand und führt uns auf direktem Weg zu uns selbst zurück.
Beispiel-Event
zum Thema BEWEGUNG:
Neue Reichenberger Hütte . Nationalpark Hohe Tauern . Osttirol
Martin Gerhard Reisenberg